The Main Event

Chicago (That Toddling Town)

Titel

Chicago

Text & Musik

Musik & Text von Fred Fisher [=Alfred Breitenbach] (1922)

Infos

Zu Chicago hatte Frank Sinatra stets eine besondere Beziehung, die auch in seinem Repertoire ihren Niederschlag fand, allem voran mit „My Kind Of Town (Chicago Is)“ aus der Feder von Sammy Cahn und Jimmy van Heusen. Weitgehend unbekannt geblieben ist jedoch, daß sein zweiter großer Hit, „Chicago (That Toddlin’Town)“ , von einem Deutschen, ja sogar von einem waschechten Kölner stammt.

Alfred Breitenbach wurde am 30.9.1875 in der Rheinmetropole geboren und wuchs dort in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 13 Jahren riß er von zuhause aus und heuerte zunächst in der unter Wilhelm II. neu aufgebauten kaiserlichen Kriegsmarine an; anschließend verdingte er sich auch bei der Fremdenlegion. Im Jahr 1900 wanderte er dann in die USA aus, zunächst nach Chicago und dann nach New York City, wo er rasch die englische Sprache erlernte, ohne freilich, wie Zeitgenossen später notierten, seinen offenbar sehr starken Rheinländer Dialekt zu verlieren.

In New York wurde Breitenbach, der sich nun den Künstlernamen Fred Fisher zugelegt hatte, bald zu einem erfolgreichen Komponisten und Songschreiber. Seine Songs entstanden vorwiegend für Showprogramme des Vaudeville (eine der Wurzeln des Great American Songbook), und in den Zwanziger Jahren war Fisher einer der bekanntesten Autoren an der „Tin Pan Alley“ geworden.

Daneben komponierte er auch die Musikbegleitung für zahlreiche Stummfilme. Er starb im Januar 1942 in New York City; seine Tochter Doris Fisher (1915-2003) war da gerade dabei, selbst zu einer erfolgreichen Sängerin und Komponistin zu werden. Sein Lebenswerk brachte Fred Fisher vor einigen Jahren die postume Aufnahme in die amerikanische „Songwriters Hall Of Fame“ ein.

Sein faszinierender Werdegang wurde 1949 auch Gegenstand eines Hollywood-Filmmusicals, das 20th Century Fox unter dem Titel „Oh You Beautiful Doll (Regie: John M. Stahl) produzierte. Fisher wurde darin von Eugene Gero Szakall (1884-1955) verkörpert, einem aus Ungarn stammenden Schauspieler, der vor allem durch seine Rolle als Kellner in „Rick’s Café“ in dem legendären Streifen „Casablanca“ im Gedächtnis geblieben ist.

Den Schlußpunkt des Films bildet mit „Chicago (That Toddlin’Town)“ einer von Fishers erfolgreichsten Songs, den er im Jahre 1922 komponiert hatte, als kleine Hommage an seine erste Station in der neuen Heimat. Die erste Schallplattenaufnahme davon machte im Juli 1922 der New Yorker Bandleader Ben Selvin (1898-1980) unter dem Namen „Ray Collins Orchestra“. Zum Ohrwurm wurde das Stück dann aber vor allem durch die im selben Jahr entstandene Aufnahme von Blossom Seeley (1891-1974), eines Kinderstars der Jahrhundertwende, die schon seit 1911 am Broadway auftrat und besonders als gitarrespielende Vaudeville-Sängerin populär war. Bald gehörte „Chicago“ zum Standardrepertoire der Goldenen Zwanziger Jahre, auch in Europa.

Im August 1958 stand das Lied dann auf dem Programm von Frank Sinatra, nämlich als „The Voice“ zusammen mit Nelson Riddle für Capitol Records einige Melodien aus seinem neuen Film „Pal Joey“ einspielte (= Version #1). Zwar kam „Chicago“ dort nur kurz als Instrumentaltrack vor, doch Sinatra entschloß sich, eine Vokalfassung einzuspielen – und lag damit goldrichtig, denn sie wurde einer seiner bekanntesten Capitol-Aufnahmen. Sie kam zunächst im Herbst 1957 als Single heraus, als B-Seite der Erfolgsnummer „All The Way“ , bald darauf aber auch als A-Seite einer weiteren Single . 1962 erschien sie dann auch auf dem Album „Sinatra Sings Of Love And Things“ . Heute ist das Lied auf zahlreichen Capitol-CDs zu finden (Auswahl siehe unten).

Riddle baute in sein rassiges Swing-Arrangement vor allem für die (sehr prominent besetzten) Blechbläser viele „typische Klänge“ der Zwanziger ein, und Sinatra hatte lockeres leichtes Spiel mit Fishers einfachem Text. Einer Erläuterung bedarf vielleicht die Erwähnung von Billy Sunday (1862-1935), ein im späten 19. Jahrhundert bekannter Baseball-Star der „Chicago White Sox“, der 1891 in den Predigerberuf wechselte und fortan zu den strengsten Prohibitionisten der USA gehörte. Doch stieß Sunday im lebenslustigen Chicago, wie Fisher es in seinem Text richtig wiedergibt, als Moralapostel an seine Grenzen.

Sinatra baute das Lied in den folgenden Jahren immer wieder in seine Konzerte ein, vor allem während seiner zweimonatigen Welttournee im Frühjahr 1962 mit dem Bill-Miller -Sextett, für die Neal Hefti Riddles Arrangement adaptierte. Neben Live-Fassungen aus Tokio (= Versionen #2 und #3), London (= Version #5) und Paris (= Version #6) entstand dabei auch eine zweite Studioaufnahme, eingespielt Ende Mai 1962 in den Studios des italienischen Fernsehsenders RAI (= Version #4). Diese Aufnahme fand, neben einem Dutzend weiterer bei derselben Gelegenheit entstandener Aufnahmen, in mehrfach ausgestrahlten Fernseh-Werbespots der Süßwarenfirma „Perugina“ Verwendung.

Ende November 1962 trat das legendäre Rat Pack – Dino, Sammy und Frank – eine Woche lang im Casino-Nachtklub Villa Venice am Stadtrand von Chicago auf, und da durfte Fred Fishers Song natürlich im Solo-Teil von Sinatras Programm nicht fehlen. Riddles Arrangement wurde hier vom Orchester Henry Brandon gespielt, unter der Leitung von Matty Malneck, und vom Publikum stürmisch gefeiert. Zahlreiche der insgesamt 18 Shows, die das Trio innerhalb von sieben Tagen gab, wurden von Reprise mitgeschnitten, blieben aber zunächst über drei Jahrzehnte lang unter Verschluß. Inzwischen sind bislang drei verschiedene Fassungen herausgekommen (= Versionen #7, #8 und #9).

Danach hatte der Song „Pause“, bis Sinatra ihn ab 1974 wieder gelegentlich in sein Konzertprogramm aufnahm. Am Silvesterabend 1975 eröffnete er mit „Chicago“ sein großes Open-Air-Galakonzert im Chicago Stadium, begleitet vom frenetischen Jubel mehrerer zehntausend Zuschauer. Im Mai 1981 lieferte Sinatra bei einer NBC-Gala in Los Angeles eine spontane, nur knapp einminütige Improvisation des Liedes mit seiner Rhythmusgruppe; danach war es aber nur noch sporadisch zu hören (immerhin aber zuletzt noch 1991).

In Köln, der Heimatstadt von Fred Fisher alias Alfred Breitenbach, gab Sinatra im Juni 1993 sein letztes Europa-Konzert. Zwar wählte er als Hommage an Chicago an diesem Abend „My Kind Of Town“ , doch vielleicht hat Fisher ihm trotzdem zugehört. Die Kölner Volksschauspielerlegende Willy Millowitsch hatte Sinatra persönlich per Ehrenkarte eingeladen, doch Willy mußte krankheitsbedingt absagen. Nun sind sie alle im „Big Casino“ vereint, und wer weiß, am Ende singen die beiden Kölner Originale heute vielleicht für The Voice:

Isch bin enne Kölsche Jong, wat willste maaache...

© Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event 2005

Übersetzung

Chicago, Chicago, diese Stadt zum Bummeln!
Chicago, Chicago, ich werde Dich herumführen,
ich liebe sie!

Verwette Deinen letzten Dollar,
daß Du den Blues verlieren wirst
in Chicago, Chicago,
die Stadt, die Billy Sunday nicht schließen konnte.

Auf der State Street,
dieser großartigen Straße,
will ich nur mal sagen,
tun sie Dinge, die sie am Broadway nicht tun.

Sie haben die beste Zeit ihres Lebens,
ich sah einen Mann und er tanzte mit seiner Ehefrau,
in Chicago, Chicago, meine Heimatstadt!

© Übersetzung: Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event 2005

Diskographie:

(1) CAPITOL-Studioaufnahme vom 13.8.1957
aufgenommen in Hollywood, Capitol Tower, Studio A
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle:
Conrad Gozzo, Pete Candoli, Harry Sweets Edison, George Seaberg (Trompete); Tommy Pederson, Russell Brown, Jimmy Priddy, Juan Tizol (Posaune); Skeets Herfurt, Harry Klee, Champ Webb, Ted Nash, Joe Koch (Saxophon; Holzbläser); Paul Nero, Alex Beller, Victor Bay, Marshall, Mischa Russell, Dan Lube, Jacques Gasselin, Erno Neufeld, Harry Bluestone (Violine); Maxine Johnson, Barbara Simmons (Bratsche); Cy Bernard, Armand Kaproff, Edgar Lustgarten (Cello); Kathryn Julye (Harfe); Bill Miller (Klavier); Joe Comfort (Baß); Alvin Stoller (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung/Single: All The Way/Chicago (78rpm/45rpm, Capitol) erschienen Herbst 1957
Single: Chicago/Witchcraft (45rpm, Capitol)
Album/LP/CD: Sinatra Sings Of Love And Things (Capitol) zuerst erschienen 2.7.1962
LP: Forever Frank (Capitol) erschienen Oktober 1966
CD: Come Fly With Me (Capitol) [als Bonus-Track] zuerst erschienen 1987
CD: Capitol Collector’s Series (Capitol) erschienen 1989
CD: The Capitol Years (3-CD-Set, Capitol) CD 2 erschienen 17.10.1990
CD: Sinatra At The Movies (Capitol) erschienen April 1993
CD: Sinatra 80th All The Best (2-CD-Set, Capitol) erschienen 14.11.1995
CD: The Complete Capitol Singles Collection (4-CD-Set, Capitol) CD 3 erschienen 20.8.1996
CD: Frank Sinatra In Hollywood (6-CD-Box, Reprise/Turner) CD 5 erschienen 4.6.2002
CD: Classic Masters (Capitol) erschienen 1.4.2003
und zahlreiche weitere Capitol-Sampler auf LP/CD

(2) [Japan-]TV-LIVEAUFNAHME vom 20.4.1962 („For All God’s Children“-Tour)
aufgenommen in Tokio/Japan, Hibiya Park (open-air)
Arrangement: Neal Hefti
Begleitung: Bill-Miller-Sextett
Emil Richards (Vibraphon); Harry Klee (Altsaxophon, Konzertflöte); Al Viola (Gitarre); Ralph Pena (Baß); Bill Miller (Klavier); Irv Cottler (Schlagzeug)
auf LP/CD offiziell unveröffentlicht

(3) [Japan-]TV-LIVEAUFNAHME vom 21.4.1962 („For All God’s Children“-Tour)
aufgenommen in Tokio/Japan, Mikado Theatre
Arrangement: Neal Hefti
Begleitung: Bill-Miller-Sextett
Emil Richards (Vibraphon); Harry Klee (Altsaxophon, Konzertflöte); Al Viola (Gitarre); Ralph Pena (Baß); Bill Miller (Klavier); Irv Cottler (Schlagzeug)
auf LP/CD offiziell unveröffentlicht

(4) RAI-Studioaufnahme von Ende Mai 1962
aufgenommen in Cinisello Balsamo bei Rom/Italien, RAI TV Studios, für Perugina Candy
Arrangement: Neal Hefti
Bill Miller Sextett:
Harry Klee (Altsaxophon, Konzertflöte); Emil Richards (Vibraphon); Bill Miller (Klavier); Al Viola (Gitarre); Ralph Pena (Baß); Irving Cottler (Schlagzeug).
(mehrfach ausgestrahlt im italienischen Fernsehen)

(5) ARTANIS/TRAMA-Liveaufnahme vom 1.6.1962
aufgenommen in London/England, Royal Festival Hall
Arrangement: Neal Hefti
Bill-Miller-Sextett:
Harry Klee (Altsaxophon, Konzertflöte); Emil Richards (Vibraphon); Bill Miller (Klavier); Al Viola (Gitarre); Ralph Pena (Baß); Irving Cottler (Schlagzeug).
CD: The 1962 London Concert (Artanis/Trama) (nur in Brasilien erschienen)

(6) REPRISE-Liveaufnahme vom 7.6.1962
aufgenommen in Paris/Frankreich, Olympia
Arrangement: Neal Hefti
Bill-Miller-Sextett:
Harry Klee (Altsaxophon, Konzertflöte); Emil Richards (Vibraphon); Bill Miller (Klavier); Al Viola (Gitarre); Ralph Pena (Baß); Irving Cottler (Schlagzeug).
CD: Sinatra & Sextet Live In Paris (Reprise) erschienen 22.2.1994 (falscher Ort „Lido“ und falsches Aufnahmedatum „5.6.1962“ im Booklet und auf dem Cover)

(7) REPRISE-Liveaufnahme vom 26.(?)11.1962
aufgenommen in Chicago, The Villa Venice
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester Henry Brandon geleitet von Matty Malneck
DVD-Audio: The Rat Pack Live At The Villa Venice (Reprise) erschienen 14.10.2003
CD: Live & Swingin – The Ultimate Rat Pack Collection (DVD/CD-Set, Reprise) CD erschienen 14.10.2003

(8) REPRISE-Liveaufnahme vom 30.11.1962
aufgenommen in Chicago, The Villa Venice
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester Henry Brandon geleitet von Matty Malneck:
CD: The Summit In Concert (DCC/Artanis Gold Disc) erschienen 1999

(9) REPRISE-Liveaufnahme vom 2.12.1962
aufgenommen in Chicago, The Villa Venice
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester Henry Brandon geleitet von Matty Malneck:
CD: Live At The Villa Venice (2-CD-Set, JazzHour) CD 1

Eine weitere Veröffentlichung unserer Artikel, Aufstellungen & Übersetzungen auf anderen Webseiten und/ oder anderen Medien ohne Anfrage und/ oder Genehmigung nicht gestattet ist. Wir freuen uns aber darüber, wenn unsere Artikel und unsere Webseite im Internet und sozialen Medien geteilt werden!

Eine Genehmigung zur Veröffentlichung unserer Artikel/ Beiträge kann gerne nach Anfrage durch uns (Kontakt) und/ oder durch den Autor selbst im Einzelfall erfolgen.