The Main Event

Get me to the church of time

Titel

Get me to the church of time

Text & Musik

Musik von Frederick Loewe, Text von Alan Jay Lerner (1956)

Infos

Es heißt ja immer „It’s Frank’s World – we just live in it!“, und manchmal ist es wirklich faszinierend, wie jahrtausendealte Mythenstoffe der Weltliteratur über verschiedene Zwischenstationen hinweg zu einem Sinatra-Song führen, so wie in diesem Fall. Denn die Geschichte von „My Fair Lady“ und „Eliza Doolittle“ beginnt tatsächlich in der Sagenwelt der griechischen Antike:

Dort soll einst ein König von Kypros (Zypern) namens Pygmalion gelebt haben, der Großvater des Adonis, der sich unsterblich in eine unbekleidete Elfenbeinstatue der Göttin Aphrodite verliebte. Ob es den König wirklich gegeben hat, ist unsicher. Der römische Dichter Ovid (43 v.Chr.-18 n.Chr.) baute dann den Pygmalion-Stoff aus (in seinen „Metamorphosen“, Buch X, Verse 243-297). Pygmalion ist dort nun ein Künstler, der sich selbst seine Idealfrau in Form einer Elfenbeinstatue schnitzt, die schließlich „zu leben“ beginnt und seine Gefährtin wird. Bei Ovid namenlos, bekam die Statue/Frau in späteren Nacherzählungen zunächst den Namen Galatea (daher gibts auch viele Gemälde und Skulpturen, die "Pygmalion und Galatea" zeigen).

Später vermischte sich die Pygmalion-Sage auch mit der historisch belegbaren Figur des phönizischen Königs Pygmalion von Tyros, ein Bruder der Prinzessin Dido (der Gründerin von Karthago, über die der Dichter Vergil in seiner „Aeneis“ berichtet).
Dido hieß aber auf phönizisch „Elissa“ – und die Vermischung der beiden Stoffe führte dazu, daß die zum Leben erweckte Statue des Pygmalion schließlich auch den Namen „Elissa“ bekam, zum Beispiel im berühmten „Pygmalion“-Gedicht von Goethe 1767 (Italienische Reise).

Diesen klassischen Stoff und seine späteren Ausdeutungen, einschließlich der Goetheschen Verwechslung mit Dido-Elissa, griff dann 1913 der irische Dramatiker und Schriftsteller George Bernard Shaw (1856-1950) auf, als er seine Komödie „Pygmalion“ veröffentlichte.

Darin erzählt Shaw die Geschichte eines versnobten Linguistikprofessors im viktorianischen England, der wettet, er könne eine arme Blumenverkäuferin namens zur Grand-Dame der Londoner High-Society machen, indem er ihr reinstes „Oxford-English“ beibringt. Und das Mädchen nannte Shaw, in Anlehnung an Elissa, "Eliza": Eliza Doolittle war geboren.

Das Bühnenstück wurde ein phänomenaler Erfolg und 1938 schließlich auch verfilmt (Regie: Anthony Asquith), mit Leslie Howard und Wendy Hiller in den Hauptrollen. Die Drehbuchadaption seines Buches für den Film schrieb Shaw selbst – und gewann dafür einen Oscar. Nachdem er 1926 bereits den Literaturnobelpreis gewonnen hatte, ist Shaw seither der einzige, der sowohl Nobelpreis als auch Oscar bekommen hat.

Zwanzig Jahre später begann dann der Siegeszug von Shaws „Pygmalion“ in einem ganz anderen Genre, nämlich am New Yorker Broadway. Dort kam am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre ein neues Musical auf die Bühne, My Fair Lady, das auf Shaws Buch basierte. In den Hauptrollen waren Julie Andrews (später als „Mary Poppins“ zu Weltruhm gelangt) und Rex Harrison zu sehen. „My Fair Lady“ wurde zum erfolgreichsten Broadwaymusical aller Zeiten – über 2700(!) Vorstellungen gab es in ununterbrochener Folge bis September 1962, dazu sechs Tony Awards (der „Bühnen-Oscar“) und drei weitere Nominierungen.

Nicht weniger erfolgreich war dann die Hollywood-Verfilmung, die Warner Bros. 1964 (Regie: George Cukor) in die Kinos brachte, wiederum mit Rex Harrison in der männlichen Hauptrolle, diesmal an der Seite von Audrey Hepburn. Der Streifen gewann acht Oscars und vier Nominierungen, und wurde ein weltweiter Kassenschlager.

Die Musik zu „My Fair Lady“ stammte von gebürtigen Wiener Fredrick Loewe (1901-1988), der eigentlich Friedrich Löwe hieß, seine Jugend in Berlin verbracht hatte und 1924 nach New York City gekommen war, wo er sich zunächst als Barpianist über Wasser hielt, bevor er Mitte der Dreißiger Jahre damit begann, Musik für Broadway-Stücke zu komponieren.
Dort lernte er bald Alan Jay Lerner (1918-1986) kennen, einen in Harvard ausgebildeten Autor und Liedtexter, der seine Laufbahn als Redakteur beim Rundfunk begonnen hatte.

Zusammen bildeten sie zwei Jahrzehnte lang eines der erfolgreichsten Gespanne am Broadway, mit Erfolgen wie „Brigadoon“, „Gigi“ oder „Camelot“. Für „My Fair Lady“ verfaßte Lerner die Texte zu den Liedern von Loewe und schrieb auch das Bühnenbuch für die Musicalfassung – beide erhielten dafür einen Tony Award. Für die Verfilmung 1964 erhielt Lerner als Verfasser des Drehbuchs eine Oscar-Nominierung.

Alle Lieder aus „My Fair Lady“ sind Evergreens geworden – erinnert sei nur an „The Rain In Spain Stays Mainly In The Plain“ oder an „I Could Have Danced All Night“ . Letzteres war dann auch das erste Lied aus dem Musical, das Frank Sinatra in sein Repertoire aufnahm (1958 bei Capitol für „Come Dance With Me“ ).

Zu den Hits, die Lerner und Loewe 1956 schufen, gehört auch „Get Me To The Church On Time“, eine schwungvolle Nummer, die im Bühnenmusical von dem britischen Schauspieler Stanley Holloway (1890-1982) in seiner Tony-nominierten Glanznebenrolle als „Alfred P. Doolittle“ interpretiert wurde, in einer der hinreißendsten Szenen der Story mit seinem Junggesellenabschied. Auch in der Verfilmung acht Jahre später war es Holloway, der den Song zu Gehör brachte – und mit dem ihm eigenen Charme sang er „sein“ Lied auch später gelegentlich noch bei eigenen Bühnenauftritten.

Schon nach der Bühnenpremiere 1956 war das Lied von einer Reihe anderer Künstler gecovert worden – eine jazzige Fassung von Oscar Peterson gehört dazu, Nat King Cole hatte es gesungen und auch Rosemary Clooney.

Im Sommer 1965 dann suchte Sinatra einige neue Stücke und Arrangements für seinen Galaauftritt mit Count Basie und seinem Orchester beim legendären Newport Jazz Festival Anfang Juli, für den Quincy Jones die Leitung übernahm – da bot es sich an, ein weiteres Lied aus dem gerade mit Erfolg in den Kinos laufenden „My Fair Lady“ für sich zu adaptieren. Quincy Jones und sein Mitstreiter, der Posaunist Billy Byers, schrieben für „The Voice“ ein grandioses Up-Tempo-Arrangement zu „Get Me To The Church On Time“. Sinatra probierte das neue Stück erstmals beim Rat-Pack-„Dismas House“-Benefizkonzert im Juni 1965 im Kiel Opera House in St.Louis aus (=Version #1), bevor er es mit ähnlichem Erfolg in Newport zu Gehör brachte.

Anfang Januar 1966 begann Sinatra dann ein vierwöchiges Engagement mit der Basie-Band im legendären „Copa Room“ des Sands-Hotels in Las Vegas. In der letzten Konzertwoche zeichnete Reprise Records insgesamt zehn Konzerte auf und brachte aus diesem Material dann im August 1966 das Doppelalbum „Sinatra At The Sands“ heraus, damals Sinatras allererstes Live-Album, auf dem Sinatra auch mit „Get Me To The Church On Time“ zu hören ist (= Version #2). Das Album schlug sich mit 44 Wochen in den Charts und Rang #9 am Verkaufstresen sehr erfolgreich. Auf der großen „Sinatra-Vegas“ -Livebox ist nun 2006 eine weitere Fassung aus demselben Engagement herausgekommen (= Version #3), die der vorangegangenen in nichts nachsteht.

In denselben Tagen entstand auch eine Aufzeichnung für Sammy Davis juniors Fernsehshow „Sammy And His Friends“, die am 1.2.1966 auf ABC ausgestrahlt wurde und in der Sinatra der Gaststar war. Zu Sinatras Auftritt zählt auch eine weitere Darbietung von „Get Me To The Church On Time“ (= Version #4).

Für sein großes Fernsehspecial „A Man & His Music“ mit Ella Fitzgerald und Antonio Carlos Jobim spielte Sinatra dann Anfang Oktober 1967 seine einzige Studiofassung des Songs ein (= Version #5), zu einem neuverfaßten Arrangement von Nelson Riddle , das auch mit einem optisch blendend umgesetzten „Einstieg“ aufwarten konnte („everybody follow that bass!“).

Nur einmal ist Sinatra nach 1967 nochmals auf das Lied zurückgekommen, nämlich bei Konzerten im Januar (darunter in der New Yorker Radio City Music Hall), Februar und März 1982, die vorwiegend in Las Vegas stattfanden und bei denen Sinatra das Stück des öfteren als Eröffnungsnummer benutzte. Aus dem Caesars Palace vom März 1982 ist nun eine der letzten Versionen Sinatras offiziell herausgekommen (= Version #6).

Sinatra und sein Orchesterleiter Vincent Falcone jr. hatten das Tempo des Originalarrangements von 1965 ein wenig gedrosselt, doch Sinatra zeigt sich umso improvisationsfreudiger („feather and tar me, call out the army“, eine Zeile, die ebenfalls aus Lerners Originaltext stammt) bei diesem schmissig-swingenden Stück, das er am 9.3.1982 zum allerletzten Male sang. Und nach dem Wort „whistling“ darf ein Pfiff nicht fehlen!

© Bernhard Vogel für Sinatra – The Main Event, 2006

Übersetzung

SCHAFFT MICH PÜNKTLICH IN DIE KIRCHE!

Am Morgen werd' ich heiraten,
„Ding-dong!“, die Glocken werden läuten!
Wir werden eine Mordsgaudi haben,
zieht den Stöpsel raus,
schafft mich pünktlich in die Kirche!

Ich muß am Morgen dort sein,
fein herausgeputzt, von meiner besten Seite!
Holt Euren Kompaß raus**,
drückt auf die Tube**,
schafft mich pünktlich in die Kirche!
(alternativ 1982: ** federt und teert mich / holt die Armee)

Falls ich tanze:
Roll die Tanzfläche auf!
Wenn ich pfeife:
Raus aus der Tür!

Ich werde am Morgen heiraten,
„Ding-ding-dong“, sie werden läuten!
Mädels, kommt und küßt mich,
sagt, daß Ihr mich vermissen werdet,
aber schafft mich pünktlich in die Kirche!

Übersetzung: Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event

Diskographie:

(1) REPRISE-Liveaufnahme vom 20.6.1965 („Dismas House Benefit“)
aufgenommen in St.Louis, Kiel Opera House
Arrangement: Quincy Jones & Billy Byers
Orchester Count Basie geleitet von Quincy Jones
DVD-Video: Live’n’Swingin‘ – The Ultimate Rat Pack Collection (DVD/CD-set, Reprise) DVD (erschienen 14.10.2003)

(2) REPRISE-Liveaufnahme vom [26.1.-1.2.].1966
aufgenommen in Las Vegas, The Sands, Copa Room (genaues Aufnahmedatum nicht dokumentiert)
Arrangement: Quincy Jones & Billy Byers
Orchester Count Basie geleitet von Quincy Jones:
Al Aarons, Sonny Cohn, Wallace Davenport, Harry ‚Sweets‘ Edison, Phil Guilbeau (Trompete); Henderson Chambers, Al Grey, Bill Hughes, Grover Mitchell (Posaune); Eddie ‚Lockjaw‘ Davis, Eric Dixon, Charles Fowlkes, Marshall Royal, Bobby Platter (Saxophon, Holzbläser); Count Basie (Piano); Freddie Green (Gitarre); Norman Keenan (Baß); Sonny Payne (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung-Album/LP/CD: Sinatra At The Sands (Reprise) (erstmals erschienen August 1966)

(3) REPRISE-Liveaufnahme vom [26.1.-1.2.].1966
aufgenommen in Las Vegas, The Sands, Copa Room (genaues Aufnahmedatum nicht dokumentiert)
Arrangement: Quincy Jones & Billy Byers
Orchester Count Basie geleitet von Quincy Jones:
Al Aarons, Sonny Cohn, Wallace Davenport, Harry ‚Sweets‘ Edison, Phil Guilbeau (Trompete); Henderson Chambers, Al Grey, Bill Hughes, Grover Mitchell (Posaune); Eddie ‚Lockjaw‘ Davis, Eric Dixon, Charles Fowlkes, Marshall Royal, Bobby Platter (Saxophon, Holzbläser); Count Basie (Piano); Freddie Green (Gitarre); Norman Keenan (Baß); Sonny Payne (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung-Album/CD: Sinatra:Vegas (DVD/4-CD-Box, Reprise) CD #2 (erschienen 7.11.2006)

(4) „Sammy And His Friends“ (ABC TV/Bristol Myers & Tabs) vom 1.2.1966
aufgenommen in Hollywood
Arrangement: Quincy Jones & Billy Byers
Orchester Count Basie geleitet von Quincy Jones:
Al Aarons, Sonny Cohn, Wallace Davenport, Harry ‚Sweets‘ Edison, Phil Guilbeau (Trompete); Henderson Chambers, Al Grey, Bill Hughes, Grover Mitchell (Posaune); Eddie ‚Lockjaw‘ Davis, Eric Dixon, Charles Fowlkes, Marshall Royal, Bobby Platter (Saxophon, Holzbläser); Count Basie (Piano); Freddie Green (Gitarre); Norman Keenan (Baß); Sonny Payne (Schlagzeug)

(5) „A Man and His Music Plus Ella Plus Jobim“ (CBS TV/Budweiser) vom 13.11.1967
aufgenommen 1.-3.10.1967 in Burbank
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
Video/Laserdisc/DVD (Warner)

(6) REPRISE-Liveaufnahme vom März 1982
aufgenommen in Las Vegas, Caesars Palace, Circus Maximus Showroom [genaues Datum nicht dokumentiert]
Arrangement: Quincy Jones & Billy Byers
Orchester geleitet von Vincent Falcone jr.:
u.a. Charles Turner (Trompete); Al Klink, Bob Pierson (Saxophon); Vincent Falcone jr. (Piano); Gene Cherico (Baß); Tony Mottola (Gitarre); Irving Cottler (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung-CD: Sinatra-Vegas (DVD/4-CD-Box, Reprise) CD #3 (erschienen 7.11.2006)

Eine weitere Veröffentlichung unserer Artikel, Aufstellungen & Übersetzungen auf anderen Webseiten und/ oder anderen Medien ohne Anfrage und/ oder Genehmigung nicht gestattet ist. Wir freuen uns aber darüber, wenn unsere Artikel und unsere Webseite im Internet und sozialen Medien geteilt werden!

Eine Genehmigung zur Veröffentlichung unserer Artikel/ Beiträge kann gerne nach Anfrage durch uns (Kontakt) und/ oder durch den Autor selbst im Einzelfall erfolgen.