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Send In The Clowns

Titel

Send In The Clowns

Text & Musik

Musik & Text von Stephen Sondheim (1973)

Infos

Zu Weihnachten 1955 brachte der schwedische Regisseur Ingmar Bergman (*1918) seinen Film “Sommarnattens Leende“ (Smiles Of A Summer Night)“ in die Kinos seines Heimatlandes. Die romantisch-komödiantische Inszenierung der gescheiterten Liebesgeschichte zwischen „Desiree Armfeldt“ (gespielt von Eva Dahlneck) und „Frederik Engerman“ (verkörpert von Gunnar Björnstrand) wurde im folgenden Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes für eine Goldene Palme nominiert und gewann eine Auszeichnung für den besten Filmhumor des Jahres. Bis heute zählt der Streifen, der ab 1957 auch mit großem Erfolg in den USA zu sehen war, zu den beliebtesten Klassikern des legendären Regisseurs.

Etwa zur selben Zeit erstrahlte ein neuer Stern am Komponistenhimmel des New Yorker Broadway: Stephen Sondheim (*1930) hatte sich schon als Schüler und später am College mit zahlreichen eigenen Musicalproduktionen hervorgetan hatte, beeinflußt von Oscar Hammerstein II, mit dessen Sohn Jimmy Sondheim eng befreundet gewesen war – nun gelang ihm mit seinen Liedtexten für den vielfach preisgekrönten Welterfolg „West Side Story“ (1956) zur Musik von Leonard Bernstein der nationale und internationale Durchbruch. 1959 setzte er den Erfolg mit “Gypsy“ fort; seither gehört Sondheim zu den bekanntesten Komponisten des Genres, in dem er nach wie vor aktiv ist und mehrere Tony Awards („Broadway-Oscars“) und Grammy Awards gewonnen hat. (Umfassende Infos zu Sondheim und seinem Werk gibt’s auf der schönen Website .

Anfang der Siebziger Jahre ließ sich Sondheim von Bergmans „Smiles Of A Summer Night“, den er zu seinen Lieblingsstreifen zählte, zu einem neuen Musical inspirieren, dem er den Titel “A Little Night Music“ gab. Hugh Wheeler (1912-1987) erstellte aus Bergmans Vorlage ein neues Skript, während Sondheim die komplette Musik komponierte und auch die Texte für die neuen Lieder selbst schrieb. Die Arrangements für die neuen Songs steuerte Jonathan Tunick bei; die Produktion der Show übernahm Harold Prince.

Am 25. Februar 1973 war die offizielle Premiere am Shubert Theatre in New York City, und mit insgesamt 601 Vorstellungen bis August 1974 (ab September 1973 im Majestic Theatre) gelang Sondheim ein fulminanter Erfolg am Broadway. In den Hauptrollen waren Glynis Johns (*1923) als „Desiree“, Len Cariou (*1939) als „Frederik“ sowie die Leinwand- und Bühnenlegende Hermione Gingold (1897-1987) als resolute Mutter Armfeldt zu sehen. Gleich fünf Tony-Awards (also „Bühnen-Oscars“) räumte „A Little Night Music“ ab, darunter einen für Sondheim selbst sowie einen für Glynis Johns als beste Musicaldarstellerin des Jahres.

„A Little Night Music“ war zugleich die Geburtsstunde eines Evergreens: Send In The Clowns hieß das wohl schönste Lied aus dem neuen Musiktheaterstück, interpretiert von „Desiree“ alias Glynis Johns (*1923). Die britische Theater- und Filmschauspielerin, die gleichzeitig ausgebildete Tänzerin, Pianistin und Sängerin und bereits seit den Dreißiger Jahren aktiv ist, gilt als Multitalent par excellence. Musicalfreunde kennen sie weltweit vor allem durch ihre Rolle als „Winifred Banks“ in der Hollywoodverfilmung des Musicals „Mary Poppins“ (1964).
In der an Bergmans Film angelehnten Handlung trifft „Desiree“ ihre Jugendliebe „Frederik“ wieder, der inzwischen (allerdings unglücklich) verheiratet ist. Man beginnt eine neue kurze Affäre, und nach langer Überlegung entschließt sich Desiree dazu, Frederik zu bitten, mit ihr zusammenzuleben und ihr Kind gemeinsam aufzuziehen. Doch sie muß erkennen, daß Frederik letztlich nicht gewillt ist, seine Frau zu verlassen – und ihr Lamento darüber verpackt sie in das Lied „Send In The Clowns“.

Sondheims Text, inzwischen zum weltweit beliebten Evergreen avanciert und von vielen hundert Interpreten aufgenommen, gehört mit seiner cleveren Metaphorik sicher zu den schönsten Liedern des gesamten Genres. „Schickt die Clowns rein!“ heißt es traditionell beim Zirkus, wenn in der Manege etwas schiefgegangen ist und das Publikum möglichst schnell vom Mißgeschick oder gar Unglück abgelenkt werden soll. Auch auf den Bühnen des Vaudeville im frühen 20. Jahrhundert war es gang und gäbe, daß der Showproduzent die jeweils laufende Nummer und die Publikumsreaktion beobachtete, und falls eine Nummer nicht ankam oder nicht funktionierte, rasch eine Comedyeinlage dazwischenschob, um die Zuschauer wieder heiter zu stimmen.

Dieses Bild greift Sondheims Text auf, um Desirees Liebeskummer zu illustrieren, als sie erkennen muß, daß Frederik nicht bei ihr bleiben wird. „Na großartig“, denkt sie sich, war man nicht ein gutes Paar gewesen? Und nun „lieg ich hier am Boden, und Du schwebst noch oben in den Lüften“, wie bei einem mißglücken Artistenakt am Trapez – „schickt die Clowns rein!“ lautet das melancholisch-sarkastische Fazit, als Titelzeile durch den ganzen Song hindurch wiederholt. Eine Farce sei das ganze, so wie in gewisser Weise eben das ganze Leben ein Zirkus ist. Und wunderbar illustriert Sondheims Text Desirees Verzweiflung und Enttäuschung, nachdem sie ihre Jugendliebe von damals erst aus den Augen verloren, aber nie jemand anderen fürs Leben gefunden und sich nun nach dem Wiedersehen endgültig für ihn entschieden hatte: So viele andere Türen geöffnet, endlich die richtige gefunden, sich vorbereitet auf den „großen Auftritt“ – doch dann ist er nicht mehr da.
Just when I stopped opening doors / finally knowing the one that I wanted was yours / making my entrance again with my usual flair / sure on my lines... / No one is there.
Aber das Leben muß ja irgendwie weitergehen – also erstmal rein mit den Clowns, sie werden schon dasein... „queer“ kommt Desiree sich vor, immer hatte sie doch ein ganz gutes Timing gehabt, nun auf einmal aber nach all den Jahren klappt es nicht mehr:
Isn’t it queer / losing my timing this late in my career?
Wie ein Artist oder Künstler, dem seine gewohnte Nummer auf einmal nicht mehr gelingen möchte. Johnny Mercer beschrieb es (in einem Lied, daß er 1973 für Sinatra schrieb) mit der Zeile „It’s like singing to empty tables“. Und nicht einmal das mit den Clowns scheint noch zu klappen: „Wo sind die Clowns? Die Clowns müßten doch dasein...“. Nächstes Jahr, vielleicht....

Ihren Tony-Award als beste Musicaldarstellerin des Jahres verdankte Glynis Johns 1973 nicht zuletzt ihrer Originalinterpretation, die noch im Frühjahr 1973 auf dem offiziellen Musikalbum zur Broadway-Show bei Columbia herauskam und bei den Aufführungen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriß. „Send In The Clowns“, so resümierte ein Kritiker in der „New York Times“, sei wohl „der perfekteste Song, den der Broadway seit langer Zeit gehört hat“. Für den ebenfalls mit einem Broadway-Oscar für Musik & Text ausgezeichneten Stephen Sondheim wurde „Send In The Clowns“ einer der größten Einzelerfolge seiner gesamten Karriere.

Das Musical „A Little Night Music“, und mit ihm „Send In The Clowns“, wird seit 1973 immer wieder neu auf die Bühne gebracht, naturgemäß mit wechselnden Besetzungen. Auf der ersten großen Tournee des Stücks 1974/75 verkörperte, neben George Lee Andrews als „Frederik“, Jean Simmons die „Desiree“ und brachte das Lied zu Gehör. Und als das Stück vom Royal Theatre in London 1995 auf die Bühne gebracht wurde, war als Desiree und mit „Send In The Clowns“ Judi Dench zu bewundern (heute dem Kinopublikum bekannt durch ihre Rolle als „M“ in den jüngeren James-Bond-Verfilmungen).

Zweimal ist „A Little Night Music“ inzwischen auch verfilmt worden: Der Kinostreifen von 1978 (New World Pictures, Regie: Harold Prince) war allerdings ein Kassenflop, obwohl nicht nur Harold Prince, der Original-Broadwayproduzent von 1973, selbst Regie führte und auch Original-Drehbuchautor Hugh Wheeler wieder mit dabei war, sondern in der Hauptrolle als „Desiree“ immerhin Elizabeth Taylor zu bewundern war, neben Original-Broadwaydarsteller Len Cariou als „Frederik“. Immerhin gewann der Film einen Oscar für die beste Musikadaption, der an Jonathan Tunick ging, der ebenfalls schon 1973 das Original orchestriert hatte. Elizabeth Taylors „Send In The Clowns“ erschien auch auf dem Soundtrackalbum des Films (auf LP – eine CD-Veröffentlichung fehlt bislang).

1990 wurde dann eine fürs Fernsehen adaptierte Verfilmung ausgestrahlt (PBS, Regie: Scott Ellis), in der neben George Lee Andrews als Frederik Sally Ann Howes (*1930) als Desiree spielte und „Send In The Clowns“ sang.

Inzwischen aber war „Send In The Clowns“ schon lange zum Welthit geworden – wobei Frank Sinatra der erste war, der das Lied nach Johns‘ Originalversion coverte (dazu gleich mehr). Noch 1973 erschien eine Aufnahme der britischen Jazzsängerin Cleo Laine (RCA), gefolgt unter anderem von Jean Simmons, Judy Collins und Shirley Bassey (jeweils 1975). 1976 nahm Bing Crosby eine Studioversion auf (für sein letztes Album „That’s What Life Is All About“, United Artists), der es auch bei seinen legendären Konzerten zum 50jährigen Bühnenjubiläum 1976 im Londoner Palladium sang.
Zu weiteren namhaften Interpreten, die „Send In The Clowns“ in ihr Repertoire aufnahmen, zählen unter anderem Johnny Mathis (1976, Columbia), Rosemary Clooney (1977), Lou Rawls (1978), Sinatras großes Vorbild aus Jugendjahren Mabel Mercer (1980), Mel Tormé (1980), Sarah Vaughan mit Count Basie (die 1981 gleich ein ganzes Album nach dem Lied benannte), Perry Como (1981), natürlich Barbra Streisand (für deren „Broadway Album“ Sondheim seinen Text sogar etwas abänderte) sowie Placido Domingo (1991) und José Carreras (1992).
Auch als Instrumentalstück ging „Send In The Clowns“ um die Welt, zum Beispiel durch die Aufnahmen von Ray Conniff (1976), André Kostelanetz (1977) und Stan Getz (1993), und vor allem durch Benny Goodman, der das Stück für sein legendäres Jubiläumskonzert 1978 in der New Yorker Carnegie Hall adaptierte. Aufsehen erregte auch Trompeter Chet Baker mit seiner Live-Aufnahme aus dem „Ronnie Scott’s“ in London (1986, mit Gesang von Van Morrison).

All das aber, so darf man bei diesem Lied sagen, wurde ein wenig überstrahlt von Frank Sinatra. Als „A Little Night Music“ im Frühjahr 1973 den Broadway eroberte, hatte Sinatra gerade seinen „Rücktritt vom Rücktritt“ beschlossen und begann mit den Vorbereitungen für sein Comeback-Album bei Reprise Records – und „Send In The Clowns“ stand dabei von Anfang an ganz oben auf seiner Wunschliste. Sinatra liebte den Song, und kaum ein Stück hat er ab 1973 in den Siebziger und frühen Achtziger Jahren häufiger und regelmäßiger gesungen als dieses Lied. Das verwundert kaum, gehört „Send In The Clowns“ doch, wie die Analyse oben schon gezeigt hat, in jene Abteilung melancholisch-traurig-tiefgründiger Balladen, in denen Sinatra wie kein zweiter seines Fachs stets zuhause war. Und indem er es ab 1974 nur noch als intimes Duett (zunächst mit Piano, später mit Gitarre) vortrug, drückte er dem Song seinen ganz besonderen Stempel auf – diese Versionen gehören zu den besten Darbietungen überhaupt seiner „Harvest Years“.
Aber der Reihe nach...

Am 22. Juni 1973 nahm Sinatra „Send In The Clowns“ in Hollywood für sein geplantes Comeback-Album erstmals auf (= Version #1)). Das Arrangement dazu hatte sein langjähriger Weggefährte Gordon Jenkins (1910-1984)(Link zur Biographie im ME) geschrieben, der auch die Orchesterleitung übernahm. Jenkins legte dabei den Schwerpunkt auf die Streicher, wobei er besonders in der Instrumentaleinleitung mit dem kleinen „Clowntanz“ viele Anklänge an die Broadway-Orchestrierung einbaute, aber auch manch klassischen Hintergrund einfließen ließ. Und Sinatra gab sich besondere Mühe mit dem Stück, das er unbedingt perfekt aufnehmen wollte – nicht weniger als 25 Takes(!) probierte er, bevor die Aufnahme im Kasten war.

Das Comeback-Album war ursprünglich unter dem Titel „Let Me Try Again“ zur Veröffentlichung geplant – erst in letzter Minute entschied sich Sinatra stattdessen für den Albentitel „Ol’Blue Eyes Is Back“, den sein „Hausphotograph“ Ed Thrasher vorgeschlagen hatte. Da war, als erste Vorab-Singleauskoppelung, „Let Me Try Again“ bereits bei Reprise als Single herausgekommen, mit „Send In The Clowns“ auf der Rückseite. Das Album erschien dann im September 1973 und erreichte in insgesamt 22 Wochen in den Billboard-Charts Platz 13.

Auch in sein Comeback-Fernsehspecial „Ol’Blue Eyes Is Back“ baute Sinatra das Lied ein – am 20. September 1973 zeichnete er dafür eine zweite Studiofassung, diesmal vor Publikum, auf, wiederum begleitet von Gordon Jenkins (=Version #2)). Die Aufnahme wurde im Rahmen des Fernsehspecials dann am 18. November 1973 ausgestrahlt und ist heute auch auf Video/DVD erhältlich. Reprise Records schnitt die Aufnahmen im September ebenfalls mit und erstellte einen Audiomaster (=#2a), der allerdings bis heute nicht veröffentlicht worden ist.

Ab Januar 1974, als er wieder mit regelmäßigen Konzerten begann, führte Sinatra „Send In The Clowns“ beinahe bei jedem seiner Auftritte im Programm, ununterbrochen zunächst bis Herbst 1978, und zunächst begleitet vom Orchesterarrangement von Jenkins. Auf diese Weise entstand im April 1974 eine erste Reprise-Liveaufnahme (=Version #3), als Sinatra sein Galakonzert in der New Yorker Carnegie Hall aufzeichnen ließ, um daraus ein Live-Doppelalbum zu produzieren. Zwar gelang ihm eine perfekte Darbietung, doch war Sinatra mit anderen Teilen der Show unzufrieden, so daß das Plattenprojekt schließlich ad acta gelegt wurde, obwohl Reprise bereits einige Testausgaben des Albums hergestellt hatte. Wie das ganze Album, so bleibt auch diese Fassung von „Send In The Clowns“ bis heute (2007) offiziell unveröffentlicht.

Als Sinatra im Juli 1974 in Japan und Australien gastierte, entschloß er sich dann zu einer tiefgreifenden Änderung seiner Darbietung, die für alle restlichen seiner Versionen des Songs entscheidend werden würde: Er warf Jenkins‘ Orchesterarrangement über Bord und präsentierte den Song von nun an nur noch als Duett von Gesang und Klavier – am Flügel natürlich Bill Miller (1915-2006)(Link zur Biographie im ME), der als Pianist seit 1951 an seiner Seite stand.
Zum ersten Mal öffentlich machte Sinatra sein neues „Send In The Clowns“ am 16. Juli 1974 (=Version #4) in Sydney, dem Abschlußkonzert seiner so stürmisch verlaufenen Australientournee, das (als Entschädigung für zuvor im Zuge des großen Konflikts ausgefallene Vorstellungen) landesweit im australischen Fernsehen übertragen wurde.

Nachdem Sinatra und Miller ihre Duettdarbietung dann im Spätsommer 1974 bei einer Reihe von Klubengagements weiter vertieft und ausgefeilt hatten, sang Sinatra „Send In The Clowns“ dann in dieser Form auch regelmäßig bei seiner großen “Main Event“-Tournee entlang der amerikanischen Ostküste im Oktober 1974, die komplett von Reprise aufgezeichnet wurde – auf diese Weise entstanden gleich fünf neue offizielle Livemitschnitte, nämlich am 2.10. in Boston (=Version #5), am 4.10. in Buffalo (=Version #6), am 7.10. in Philadelphia (=Version #7), am 9.10. in Pittsburgh (=Version #8), und beim ersten der drei Konzerte im New Yorker Madison Square Garden am 12.10. (=Version #9).
Allein – am 13.10.1974, beim zweiten New Yorker Auftritt, der im legendären „Main Event“-Konzertspecial weltweit übertragen wurde, ließ Sinatra den Song im Programm aus Zeitgründen aus (stattdessen wurde im TV Werbung gesendet), und da Reprise Records sich unvorsichtigerweise bereits im Vorfeld darauf festgelegt hatte, aus den Aufnahmen der Konzerte die Liedfolge des Konzertspecials vom 13.10. exakt abzubilden, blieben tatsächlich alle fünf Master von „Send In The Clowns“ für das kurze Zeit später erschienene (aus verschiedenen Konzerten zusammengemixte) Reprise-Album „The Main Event“ unberücksichtigt. Bis heute/2007 sind die Aufnahmen unveröffentlicht geblieben.

Im Jahr darauf war dann das inzwischen bei vielen dutzend Konzerten weiter verfeinerte Duett Sinatra-Miller zu „Send In The Clowns“ aber auch im amerikanischen Fernsehen zu sehen, nämlich als Sinatra beim dritten von drei Auftritten innerhalb von 24 Stunden beim jährlichen MDA-Telethon von Jerry Lewis, aus New York nach Las Vegas zugeschaltet, das Stück vortrug (=Version #10). Zuvor hatte er es im Frühjahr 1975 auch während seiner großen Europatournee im Programm gehabt und dabei auch bei seinen beiden Konzerten in Deutschland gesungen. Ende November 1975 entstand eine neue Live-Aufnahme bei Sinatras Konzert in Jerusalem (=Version #11), die inzwischen auch auf CD erschienen ist, offiziell allerdings nur in Brasilien.

Anfang 1976 trug sich Sinatra mit dem Gedanken, einige „Saloon Songs“ live aufzunehmen und als Single herauszubringen. Zu diesem Zweck zeichnete Reprise im Januar 1976 im Caesars Palace in Las Vegas einige Stücke auf, darunter auch „Send In The Clowns“ (=Version #12) mit Miller am Flügel. Doch auch diese Fassung ist bislang/2007 nicht veröffentlicht worden, denn damals entschied sich Sinatra dazu, es doch lieber im Studio zu versuchen.

So entstand dann am 5. Februar 1976 eine Reprise-Studioaufnahme der neuen „Clowns“-Fassung mit Bill Miller (=Version #13), im vierten Take war der Master im Kasten. In Anlehnung an die ursprüngliche Live-Idee entschied sich Sinatra dabei für eine in seinem Repertoire einmalige Besonderheit, indem er eine spezielle gesprochene Einleitung (ähnlich denen bei seinen Konzerten) hinzufügte, die am Beginn der Aufnahme über Millers erste Klaviertakte hinweg zu hören ist. (Text & Übersetzung siehe unten).
Sinatra brachte die Aufnahme erst im November 1976 als Single heraus (als Rückseite von „I Love My Wife“), und auf LP erschien sie erstmals 1978 nur in Europa – lange Zeit blieb die Aufnahme, die nach Meinung vieler zu Sinatras besten Studioaufnahmen gehört, ein begehrter Geheimtip unter Sinatra-Freunden. 1990 erschien sie dann endlich auf der „Reprise Collection“ im Rahmen einer weltweit vertriebenen 4-CD-Box.

Auch in den folgenden zwei Jahren gehörte „Send In The Clowns“ zu praktisch jedem Konzert Sinatras dazu, so auch am 5. Mai 1978, als sein Galauftritt im Caesars Palace in Las Vegas vom amerikanischen Fernsehsender CBS komplett mitgeschnitten wurde, um daraus das Fernsehspecial „Cinderella At The Palace“ zu produzieren. Bei dessen Ausstrahlung im November fanden zwar nur kurze Teile von Sinatras Auftritt Verwendung, aber der Konzertfilm, offiziell lange im Archiv, ist nun endlich fast zur Gänze im Rahmen der „Sinatra: Vegas“-Box auf DVD erschienen (=Version #14), einschließlich einer grandiosen Darbietung von „Send In The Clowns“ mit Miller.

Im September 1978 schied Bill Miller, den (außer bei einigen Nummern wie z.B. „Clowns“) als regelmäßiger Sinatra-Pianist bereits seit Ende 1977 Vincent Falcone jr. verdrängt hatte, als Begleiter von Sinatras Konzerten aus, weil er sich mit der reinen Dirigentenrolle nicht zufrieden geben wollte (einige Jahre später kehrte er zurück und blieb dann bis zum Ende 1995 an Sinatras Seite). Und damit verschwand auch „Send In The Clowns“ zunächst aus Sinatras Repertoire.

Aber nur für einige Monate – denn schon im März 1979 hatte man sich etwas neues ausgedacht. Sinatra präsentierte „Send In The Clowns“ jetzt, in Anlehnung an die Piano-Fassung, als Duett mit seinem Gitarristen Al Viola, der ihn bereits seit Jahrzehnten begleitete. Vom Publikum auch in dieser Form gefeiert, gehörte das Lied seither wieder zum festen Repertoire der meisten Konzerte.

Als sich Viola im Frühjahr 1980 zur Ruhe setzte, verpflichtete Sinatra stattdessen seinen Jugendfreund Tony Mottola für die Gitarrenbegleitung seiner Konzerte, mit dem er schon Anfang der Dreißiger Jahre gemeinsam musiziert hatte. In größerem Rahmen präsentierten Sinatra und Mottola ihr Duett zu „Send In The Clowns“ dann erstmals im Juni 1980 bei Sinatras legendärem, alle damaligen Rekorde brechendem Konzertengagement in der New Yorker Carnegie Hall. Die existierende gefilmte Konzertaufzeichnung vom 25. Juni 1980 (nicht offiziell veröffentlicht oder gemastert, daher unten nicht aufgeführt [Stand: Feb.2007]) zeigt eine phantastische Performance der beiden zu Sondheims Lied.

Im Juni 1982 entstand dann noch eine „offizielle“ Aufzeichnung von Sinatras und Mottolas „Send In The Clowns“, beim sogenannten „Concert For The Americas“, als Sinatra in der Dominikanischen Republik in La Romana das große Open-Air-Amphitheater Altos de Chavon einweihte (=Version #15). Das Konzert ist bei Warner als Video erschienenen; die DVD allerdings bislang nur in Europa (während in den USA das Konzert weiterhin des öfteren auf PBS ausgestrahlt wird).

Im Herbst 1982 verschwand „Send In The Clowns“ dann nach neuneinhalb Jahren fast ununterbrochener Darbietungen aus Sinatras Konzertprogrammen. Nur für kurze Zeit 1986 holte er die Nummer nochmals hervor, wiederum mit Tony Mottola an der Gitarre. Anfang Juli 1986 sang er das Stück im „Golden Nugget“ in Atlantic City zum allerletzten Mal (glücklicherweise inoffiziell aufgezeichnet) und entfaltete nochmal seine ganzen Interpretationskünste. Auf dem Box-Set "Standing Room Only" wurde das komplette Konzert vom 07.10.1974 aus The Spectrum in Philadelphia 2018 offiziell veröffentlicht, wo Sinatra diesen Song sang.

1958 hatte sich Sinatra selbst als „traurigen Clown“ dargestellt, auf dem von ihm gezeichneten/gestalteten Cover für „Sinatra Sings For Only The Lonely“, und auch ein Selbstportrait als „weinender Clown“ gehört zu den Werken des leidenschaftlichen Malers Sinatra, mit denen er wohl auch manchmal sein eigenes Seelenleben abbilden wollte. Jedenfalls meint man das zu spüren, wenn man Sinatras „Send In The Clowns“ zuhört und (z.B. auf der neuen Vegas-DVD) zusieht. Es gehört zu den Stücken, neben manch anderen Balladen, bei denen Sinatra sich stets vollends im Text aufzulösen schien und die er bei den vielen hundert Darbietungen eigentlich nie „schlecht“ (runter)gesungen hat – Sinatra, nach eigenem Bekunden „18-karat maniac depressive“, hat sich Sondheims Song vielleicht mehr zu eigen gemacht als jeder andere Performer.
Drei verschiedene Arten der Darbietung durch Sinatra stehen also aus all den vielen Fassungen zur Verfügung – die mit Orchester, das Klavierduett, und das Gitarrenduett. Welches gefällt Euch am besten? Wie gefällt Euch seine Interpretation generell, wo/wann gelang ihm das Lied am eindrucksvollsten? Wie schneidet Sinatra Eurer Meinung nach bei diesem Klassiker im Vergleich zu den vielen anderen Interpreten ab, die das Stück gesungen haben?
Genug spannende Fragen, so denke und hoffe ich, für eine gute Diskussion hier im OME...

Mit einem persönlichen Eindruck muß ich aber schließen - wer's noch nicht weiß, neben "Lonely Town" (Capitol 1957) ist "Send In The Clowns" mein absolutes Liebingslied von Sinatra. Und auch sonst. Vielleicht bin ich ja nicht der einzige?

Don’t bother:
They’re here....
© Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event, 2007

Übersetzung

(Gesprochene Einleitung, nur im Anfangsteil der Studioaufnahme von 1976 [oben #13]):
Das hier ist ein Lied über ein erwachsenes Paar, das ziemlich lange Zeit zusammengewesen ist, solange bis eines Tages einer der beiden unruhig wird und sich dafür entscheidet fortzugehen. Ob es der Mann war oder die Frau, die fortgegangen ist, spielt keine Rolle, es ist eine Trennung. Und es ist eine wunderbare Hochzeit von Text und Musik, geschrieben von Stephen Sondheim.

Ist es nicht großartig?
Sind wir ein Paar?
Ich schlußendlich hier unten am Boden,
und Du frei schwebend (in der Luft)...
Schickt die Clowns herein!

Ist es nicht eine Freude?
Heißt Du es nicht gut?
Einer, der hin und her saust,
und einer, der sich nicht bewegen kann...
Aber wo sind die Clowns?
Schickt die Clowns herein!

Gerade, als ich damit aufhörte, Türen zu öffnen,
als ich endlich entdeckte, daß die Tür, die ich suchte, die zu Dir war,
als ich wieder ins Rampenlicht trat mit meiner üblichen Ausstrahlung,
meinen Text genau im Kopf hatte...
Ist niemand da.

Liebst Du nicht auch die Farce?
Meine Schuld, fürchte ich,
ich dachte, Du wolltest, was ich will –
entschuldige, Liebling...
Wo sind die Clowns?
Schickt die Clowns herein!
Keine Sorge: Sie sind da!

Ist es nicht großartig?
Ist es nicht merkwürdig?
So spät in meiner Karriere mein Timing zu verlieren...
Wo sind die Clowns?
Es muß jetzt Clowns geben!.
Naja, vielleicht nächstes Jahr...

(Übersetzung: © Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event, 2007)

Diskographie:

(1) REPRISE-Studioaufnahme vom 22.6.1973
aufgenommen in Hollywood, Goldwyn Studios (take 25!)
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Gordon Jenkins:
Vincent DeRosa, Richard Perissi, Arthur Maebe (Horn); Norman Benno (Oboe); Wayne Songer, Morris Crawford (Klarinette); Don Lodice (Tenorsaxophon); Louise DiTullio (Baßflöte); Harry Klee (Konzertflöte, Klarinette, Altsaxophon); Ralph Schaeffer, Mischa Russell, Harry Bluestone, Gerald Vinci, Nathan Ross, Joseph Livoti, Alex Murray, Albert Steinberg, Blanche Belnick, Joe Stepansky, Kurt Dieterle, Erno Neufeld, Harold Dicterow, Alfred Lustgarten, Arthur Brown, Marshall Sosson, Walter Edelstein, James Getzoff (Violine); Alex Neiman, Barbara Simons, Virginia Majewski, Allan Harshman, Myer Bello, Louis Kievman (Bratsche); Armand Kaproff, Justin Di Tullio, Edgar Lustgarten (Cello); Gayle Levant (Harfe); Bill Miller, Pete Jolly (Klavier); Alvin Casey, Al Viola, Dennis Budimir (Gitarre); Ray Brown, Peter Mercurio (Baß); John Guerin (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung-Single: Let Me Try Again/Send In The Clowns (45rpm, Reprise 1181) (erschienen September 1973)
Erstveröffentlichung-Album/LP/CD: Ol’Blue Eyes Is Back (Reprise) (zuerst erschienen September 1973)
CD: The Complete Reprise Studio Recordings (20-CD-Box, Reprise) CD 16 (erschienen November 1995)

(2) „Ol’Blue Eyes Is Back“ (NBC TV/Mastervox) vom 18.11.1973
aufgenommen am 20.9.1973 in Hollywood
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Gordon Jenkins
Video-VHS/Laserdisc/DVD: Ol’Blue Eyes Is Back (Warner)
(2a) REPRISE-Master vom 20.9.1973
aufgenommen am 20.9.1973 für das TV-Special „Ol’Blue Eyes Is Back“
gemastert von Reprise am 3.10.1973 (Reprise Master # B-3004)
auf LP/CD unveröffentlicht

(3) REPRISE-Liveaufnahme vom 8.4.1974
aufgenommen in New York City, Carnegie Hall
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Bill Miller:
John Frosk, Marvin Stamm, Joe Ferrante, Dick Perry (Trompete); Bob Alexander, Wayne Andre, Seymour Berger (Posaune); Paul Faulise (Baßposaune); Sidney Cooper, Bernie Kaufman, Al Klink, Lewis Del Gatto, John Campo (Saxophon, Holzbläser); Joe Malin, Julius Schachter, Michael Spivakovsky, Stanley Karpienia, Peter Buonconsiglio, Max Hollander, Carmel Malin, Sidney Kaufman, Joe Pepper, Avram Weiss, Peter Dimitriades, Julius Brand (Violine); Cal Fleisig, Vincent Liota, David Sackson, Archie Levin (Bratsche); Jesse Levy, Alan Shulman, Anthony Sophos, Gloria Lanzarone (Cello); Gloria Agostini (Harfe); Bill Miller (Klavier); Al Viola (Gitarre); George Duvivier (Baß); Irving Cottler (Schlagzeug); Dave Carey (Percussion)
Geplantes Album-LP: Sinatra At Carnegie Hall (2-LP-Set, Reprise) (Probexemplare hergestellt)
offiziell unveröffentlicht

(4) ABC TV[Australien]-Liveaufnahme vom 16.7.1974
aufgenommen in Sydney/Australien, Hordon Pavilion
Duett mit Bill Miller (Klavier)
Live-Übertragung im australischen Fernsehen
(auf Video/LP/CD offiziell unveröffentlicht)

(5) REPRISE-Liveaufnahme vom 2.10.1974 („The Main Event“)
aufgenommen in Boston, The Garden
Duett mit Bill Miller (Klavier)
offiziell unveröffentlicht

(6) REPRISE-Liveaufnahme vom 4.10.1974 („The Main Event“)
aufgenommen in Buffalo, War Memorial Auditorium
Duett mit Bill Miller (Klavier)
offiziell unveröffentlicht

(7) REPRISE-Liveaufnahme vom 7.10.1974 („The Main Event“)
aufgenommen in Philadelphia, The Spectrum
Duett mit Bill Miller (Klavier)
offiziell unveröffentlicht

(8) REPRISE-Liveaufnahme vom 9.10.1974 („The Main Event“)
aufgenommen in Pittsburgh, Civic Arena
Duett mit Bill Miller (Klavier)
offiziell unveröffentlicht

(9) REPRISE-Liveaufnahme vom 12.10.1974 („The Main Event“)
aufgenommen in New York City, Madison Square Garden
Duett mit Bill Miller (Klavier)
offiziell unveröffentlicht

(10) „Jerry Lewis Muscular Dystrophy Ailment Telethon“ (CBS TV) vom 1.9.1975
Sinatra aus New York City (dritter von drei Sinatra-Auftritten des Tages)
Duett mit Bill Miller (Klavier)
Live-Übertragung im US-Fernsehen

(11) ARTANIS/TRAMA-Liveaufnahme vom 27.11.1975
aufgenommen in Jerusalem/Israel, Binyanei Ha’oomah
Duett mit Bill Miller (Klavier)
Album/CD: The Jerusalem Concert (Artanis/TRAMA) bislang nur in Brasilien erschienen

(12) REPRISE-Liveaufnahme vom 21.1.1976
aufgenommen in Las Vegas, Caesars Palace
Duett mit Bill Miller (Klavier)
unveröffentlicht

(13) REPRISE-Studioaufnahme vom 5.2.1976
aufgenommen in Hollywood, Western Recorders Studio (take 4)
Duett mit Bill Miller (Klavier)
Gesprochene Einleitung von Sinatra
Erstveröffentlichung-Single: I Love My Wife/Send In The Clowns (Reprise 1382) (erschienen Herbst 1976)
Erstveröffentlichung-LP: The Singles (Reprise/WEA) (1978 nur in Europa erschienen)
CD: The Reprise Collection (4-CD-Set, Reprise) CD 4 (erschienen 20.11.1990)
CD: Sinatra Reprise: The Very Good Years (Reprise) (erschienen 26.3.1991)
CD: The Complete Reprise Studio Recordings (20-CD-Box, Reprise) CD 17 (erschienen November 1995)

(14) CBS TV/REPRISE-Liveaufnahme vom 5.5.1978
aufgenommen in Las Vegas, Caesars Palace, Circus Maximus Showroom
Duett mit Bill Miller (Klavier)
DVD: Sinatra-Vegas (4-CD/1-DVD-Box, Reprise) DVD (erschienen 7.11.2006)

(15) WARNER-Liveaufnahme vom 20.8.1982 („Concert For The Americas“)
aufgenommen in La Romana/Dominikanische Republik, Altos de Chavon Amphitheatre (open-air)
Duett mit Tony Mottola (Gitarre)
Video-VHS/Laserdisc/DVD: Concert For The Americas (Warner) (DVD bislang nur in Europa erschienen)

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