I Loved Her

Titel

I Loved Her

Text & Musik

Musik und Text von Gordon Jenkins (1968)

Infos

Im November 1982 veröffentlichte Frank Sinatra mit „She Shot Me Down“ sein letztes Konzeptalbum mit Balladen, „Saloon-Songs“ wie er das nannte. Die LP war ein Gemeinschaftsprodukt mit Gordon Jenkins und Don Costa (der auch als Produzent des Projekts fungierte), die beide einen Teil der Arrangements beisteuerten. Mit einigen Stücken des Albums, wie etwa Alec Wilder’s „A Long Night“, konnte Sinatra hier an beste Balladenaufnahmen früherer Jahre und Jahrzehnte anknüpfen.

Einer der Höhepunkte des Albums ist „I Loved Her“, ein Lied gänzlich aus der Feder von Gordon Jenkins (1910-1984), der Musik und Text schrieb, das Arrangement beisteuerte und auch die Orchesterleitung übernahm, als Sinatra das Stück im Juli 1981 in New York aufnahm (Version #1). An die zahlreichen bedeutenden Beiträge, die „Lefty“ (wie Sinatra Gordon Jenkins nannte) seit ihrer ersten Zusammenarbeit bei Capitol 1957 zu Sinatras musikalischem Werk lieferte, braucht man an dieser Stelle nicht im einzelnen zu erinnern – dieser Song hier gehört zu ihrer letzten Zusammenarbeit.

Das Lied mit seinem schlichten, aber doch poetischen Text erzählt von einer unerfüllten Liebe, die an gesellschaftlichen Gegensätzen scheiterte, bevor sie überhaupt begann. Hier der Jazzer, Kneipen- und Stadiongänger, der „einfache Mann“, stets knapp bei Kasse – dort die erfolgreiche Geschäftsfrau von Welt mit Faible für Klassik, Teerunden und Lesungen. Zuwenig Gemeinsamkeiten für eine Beziehung, resümmiert der traurige Sänger, untermalt von melancholisch-dunklen Streichern, wie nur Jenkins sie so perfekt arrangieren konnte. Ihn packt die Wehmut bei der Erinnerung an vergangene gemeinsame Zeiten, möchte man meinen – bis zur Schlußpointe, die zu den cleversten überhaupt in Sinatras Liederbuch zählt: Denn in Wahrheit hat der Sänger seiner Angebeten seine Liebe nie gestanden. She knew much more than I did / but there was one thing she didn’t know: / That I loved her / cause I never, never told her so.

Sinatras Vortrag ist perfekt, wobei die Studioaufnahme vom Juli 1981 zusätzlich davon profitierte, daß Sinatra das Lied bereits seit Mai 1981 regelmäßig in seinen Konzertprogrammen hatte und entsprechend „eingesungen“ damit war. Man mag beim Zuhören kaum daran zweifeln, daß ihm dieses Lied auf den Leib geschrieben wurde. Und doch – es war nicht so! Das Lied, das Jenkins 1981 für Sinatra aufbereitete, hatte er bereits dreizehn Jahre zuvor in einem ganz anderem Kontext geschrieben, der mit The Voice gar nichts zu tun hatte.

1951 startete eine der erfolgreichsten Comedyshow-Serien der amerikanischen Fernsehgeschichte: „The Lucy Show“, die (unter mehreren leicht verschiedenen Titeln) bis 1968 ununterbrochen im Programm blieb und regelmäßig Quotenrekorde holte. Star der Serie war die Entertainerin Lucille Ball (1911-1989) in ihrer Rolle als „Lucy Carmichael“.

Am 5.2.1968 wurde Folge 150 der „Lucy Show“ ausgestrahlt, und Gaststar der Sendung, in der sich regelmäßig prominente Kollegen ein Stelldichein gaben, war der Komiker, Jazzmusiker und Bandleader Phil Harris (1904-2001). Als Radiostar hatte er Ende der Zwanziger Jahre begonnen, war schon 1932 in der legendären Coconut Grove aufgetreten und hatte alsbald zusammen mit seiner Frau Alice Faye eine erfolgreiche eigene Show. Von 1935 bis 1962 wirkte er außerdem 27 Jahre lang in der „Jack Benny Show“ mit, die zu Amerikas erfolgreichsten Comedyshows zählte. 1956 war er auch in einer Hauptrolle in der Hollywood-Verfilmung von Cole Porters Musical „Anything Goes“ zu sehen.

Die Story der „Lucy Show“#150 dreht sich um einen Komponisten und Entertainer (gespielt von Phil Harris), der mit den Nerven am Ende ist, weil er ein neues Lied einfach nicht fertig bekommt. „Lucy“ hilft ihm dabei nun auf die Sprünge, und über viele witzige Dialoge hinweg entsteht Schritt für Schritt das fertige Lied, das Harris dann am Ende vorträgt. Und dieses Lied ist – „I Loved Her“.

Das Stück fand beim Publikum soviel Anklang, daß Jack Jones es noch im selben Jahr für sein Album „L.A. Breakdown“ im Studio einspielte und veröffentlichte. Dank Jones blieb es auch fortan im Repertoire manch anderer Künstler – als Jenkins das Lied dann 1981 Sinatra vorschlug, zeigte dieser sich sogleich begeistert vom Konzept des Textes, den Jenkins nur in einigen wenigen Nuancen noch veränderte.

Und so wurde aus einem Comedy-Song ein klassischer und trotzdem ungewöhnlicher Saloon-Song, den Sinatra noch bis Ende 1981 in seinen Konzerten sang, oft mit kleinerer Begleitung als auf der Studioaufnahme und ohne Streicher. In voller Besetzung nahm Sinatra es im Herbst 1981 nochmal für sein TV-Special "A Man And His Music" auf (= Version #2).

© Bernhard Vogel für Sinatra – The Main Event, 2006

Übersetzung

ICH LIEBTE SIE

Sie war Boston – ich war Vegas,
sie war Crêpe Suzette – ich war Obsttorte,
sie war (für) Lesung – ich war Film,
aber ich liebte sie.

Sie war Mozart – ich war Basie,
sie war Nachmittagstee – ich war Saloon,
sie war Junior League – ich war Dodgers,
aber ich liebte sie,
morgens, abends und mittags.

"Gegensätze ziehen sich an!" behaupten die Weisen (die Schlauberger),
trotzdem wünschte ich, wir wären uns ein bisschen ähnlicher gewesen.
Es wäre vielleicht ein kürzerer (Rosen-)Krieg geworden,
wenn wir einander besser gekannt hätten.

Sie war Polo – ich war Rennbahn,
sie war Museum – ich war Fernsehen.
Sie gab ihr Bestes, um mich zu verändern,
obwohl sie nie richtig wusste, wie,
aber ich liebte sie
fast so sehr, wie ich es jetzt tue.

Sie war Wall Street – ich war Leihhaus,
sie war französischer Champagner – ich war Bier.
Sie wusste viel mehr als ich,
aber es gab etwas, was sie nicht wusste:
Dass ich sie liebte,
weil ich ihr das nie, nie gesagt habe.

© Marc Rothballer für Sinatra – The Main Event, 2006

Diskographie:

(1) REPRISE-Studioaufnahme vom 20.7.1981
aufgenommen in New York City, Columbia Studios
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Gordon Jenkins:
Charles Turner (Trompete, Flügelhorn); Sharon Moe, Donald Corradom Joseph de Angelis (Horn); Robert Steen, Al Klink, Sidney Cooper, Sol Schlinger, Bernie Kaufman, Phil Bodner, Wally Kane (Holzbläser); Joe Malin, Pamela Posk, Christopher Tarle, James Burnham, Lesley Heller, Maura Giannini, Max Cahn, Sanford Allen, Elliot Magaziner, Julius Brand, Peter Buonconsiglio, Carmel Malin, Secondo Proto, George Wozniak, Fred Buldrini, Paul Gershman (Geige); Theodore Israel, Selig Posner, George Brown, Michael Spivakowsky, Vincent Liota, Rose Tillotson (Bratsche); Julius Ehrenwerth, Anthony Sophos, Richard Bock, Jesse Levy (Cello); Gloria Agostini (Harfe); Vincent Falcone jr. (Klavier); Tony Mottola (Gitarre); Gene Cherico, Frank Bruno, Dick Romoff (Baß); Irving Cottler (Schlagzeug); Ted Sommer (Percussion)
Erstveröffentlichung-Album/LP/CD: She Shot Me Down (Reprise) (zuerst erschienen November 1981)
CD: The Complete Reprise Studio Recordings (20 CD Box, Reprise) CD 19 (erschienen November 1995)

(2) "The Man And His Music" (NBC TV) vom 22.11.1981
aufgenommen am 28./29.10.1981 in Burbank/Kalifornien
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Gordon Jenkins
Video-VHS/Laserdisc//DVD (Warner)

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