The Main Event

All I Need Is The Girl

Titel

All I Need Is The Girl

Text & Musik

Musik von Jule Styne , Text von Stephen Sondheim (1959)

Infos

Es gehört zu den erfolgreichsten amerikanischen Musicals des 20. Jahrhunderts: „Gypsy“, das erstmals 1959 auf die Bühnen des Broadway kam und seither dort mehrfach wiederaufgelegt wurde. Inspiriert wurde das Stück durch die gleinachmigen Memoiren der Varieté- und Striptease-Tänzerin Gypsy Rose Lee (1911-1970), die 1957 herauskamen.

Gypsy Rose Lee hieß eigentlich Rose Louis Hovick und stammte aus Seattle (US-Bundesstaat Washington). Zusammen mit ihrer Schwester Ellen (die sich als Schauspielerin June Havoc nannte, *1916) trat sie schon als Teenager in einer Reihe von Vaudeville-Shows auf, doch reichte ihr Talent nicht aus, um dort eine Solokarriere zu starten. Stattdessen schloß sie sich in den frühen Dreißiger Jahren der „Minsky Brothers Burlesque“-Truppe an, die mit ihrer ausgesprochen freizügigen (nach damaliger Meinung obszönen) Show schon seit 1912 durch die Lande tingelten, in Nachtklubs und Kaschemmen auftraten und immer wieder wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, „unsittlicher Vorführungen“ und ähnlicher „Vergehen“ Probleme mit dem Gesetz bekamen; so landete auch Gypsy Rose Lee gelegentlich für kurze Zeit im Gefängnis.

Für ihre Strip-Darbietungen schuf sich Gypsy Rose Lee einen eigenen Stil, der sich vom üblichen Striptease deutlich abhob und bald als „casual strip“ bezeichnet wurde. Ihre Tanzdarbietung war die Inspiration für die berühmte (aber natürlich deutlich entschärfte) Strip-Szene in Rodgers & Harts Musicalerfolg “Pal Joey“ (zu dem Song „Zip!“), der 1940 auf die Bühne kam und in dem ihre Schwester June Havoc mitspielte. 1957 wurde „Pal Joey“ bekanntlich mit Rita Hayworth, Kim Novak und Frank Sinatra in den Hauptrollen verfilmt, im selben Jahr also, als die Memoiren der Original-„Zipperin“ erschienen.

Gypsys Versuchen, in Hollywood eine Karriere als Schauspielerin zu starten, war in den Vierziger Jahren wenig Erfolg beschieden; gleiches gilt für ihre mehreren, allesamt nur sehr kurze Zeit dauernden Ehen. „Nebenher“ hatte sie zahlreiche Affären, unter anderem einen unehelichen Sohn mit dem Filmregisseur Otto Preminger („Der Mann mit dem Goldenen Arm“), und blieb weiterhin im Varieté aktiv. Für manchen Skandal taugte auch ihre dominante Mutter Rose Thompson Hovick, die das von ihren Töchtern verdiente Geld mit vollen Händen ausgab und in New York eine Pension („boarding house“) für Schwule und Lesben unterhielt.

Den Tod der Mutter 1954 empfand Gypsy als Befreiung und machte sich daraufhin an die Niederschrift ihrer Memoiren, in denen ähnlich wie im späteren Musical ihre Mutter die eigentliche Hauptperson darstellt. Bis zu ihrem Tod 1970 unterhielt Gypsy Rose Lee auch Freundschaften zu Künstlern wie Max Ernst oder Picasso, die ihr einige ihrer Werke widmeten.

Schon bald nach Erscheinen ihres Buches reifte der Plan, aus dem Stoff ein Broadway-Musical zu kreieren. Arthur Laurents (*1918) schrieb das Bühnenbuch dazu, und für die Hauptrollen wurden die aus vielen Porter-Musicals bekannte Ethel Merman und Sinatras späterer Filmpartner Jack Klugman (auch bekannt aus der TV-Serie „Quincy“) verpflichtet.
Die Musik für „Gypsy“ sollte Stephen Sondheim (*1930) komponieren, der sich schon als Schüler und später am College mit zahlreichen eigenen Musicalproduktionen hervorgetan hatte, beeinflußt von Oscar Hammerstein II, mit dessen Sohn Jimmy Sondheim eng befreundet gewesen war. Gerade war Sondheim jetzt der Durchbruch am Broadway gelungen, mit seinen Liedtexten für den vielfach preisgekrönten Welterfolg „West Side Story“ (1956) zur Musik von Leonard Bernstein – und der Erfolg sollte sich mit „Gypsy“ fortsetzen. Seither gehört Sondheim zu den bekanntesten Komponisten des Genres, in dem er nach wie vor aktiv ist und mehrere Tony Awards („Broadway-Oscars“) und Grammy Awards gewonnen hat. Sinatra-Freunde kennen ihn auch als Schreiber von „Send In The Clowns“ (aus „A Little Night Music“, 1971), das FS zweimal für Reprise einspielte und lange Jahre im Programm führte. (Mehr Infos zu Sondheim gibt’s auf der schönen Website http://www.sondheimguide.com).

Ursprünglich sollte nach den Vorstellungen von Arthur Laurents, der auch schon das Libretto für „West Side Story“ verfaßt hatte, Sondheim Musik und Text der neuen Lieder für „Gypsy“ schreiben, doch damit war Hauptdarstellerin Ethel Merman gar nicht einverstanden und verlangte, einen anderen Komponisten zu verpflichten und Sondheim lediglich das Schreiben der Texte zu überlassen. Da die Produzenten auf Merman als „Zugpferd“ keinesfalls verzichten wollten, fiel die Wahl auf Jule Styne (1905-1994), der seit mehreren Jahrzehnten zur Spitze der Songwriter gehörte und seit Dorsey-Tagen als Sinatras „Hauskomponist“ zahlreiche Erfolge für „The Voice“ geschrieben hatte, mit dem er auch persönlich eng befreundet war. (Über den aus London stammenden Styne, der mit seinen Eltern 1912 in die USA gekommen war und 1972 in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen wurde, kann man sich ausführlich auf http://www.julestyne.com informieren.)

Am 21. Mai 1959 hatte “Gypsy: A Musical Fable“ dann im New Yorker Broadway Theatre seine stürmisch gefeierte Premiere. Bis Ende März 1961 (ab August 1960 im ebenfalls am Broadway beheimateten Imperial Theatre) lief das Stück ohne Unterbrechungen und wurde mit 702 Aufführungen einer der größten Broadway-Kassenschlager aller Zeiten, der in späteren Jahren mehrfach erneut auf die Bühne gebracht worden ist. Insgesamt acht Tony-Award-Nominierungen gab es dafür.

Neben Merman in der Rolle der Mutter und Klugman waren als „Louise“ (also als Titelheldin) Sandra Church (*1943) und als „Tulsa“ Paul Wallace (*1943) zu sehen und zu hören. Und diese beiden sangen auch “All I Need Is The Girl“, eines der neuen Lieder, die Styne und Sondheim für das Musical geschrieben hatten.

1962 brachte Warner Bros. den Stoff dann auch als Musikfilm auf die Leinwand („Gypsy“, Regie: Mervyn LeRoy), mit Rosalind Russell in der Mutter-Rolle und Karl Malden („Die Straßen von San Francisco“) an ihrer Seite. Den Part der „Louise“ aka Gypsy Rose Lee spielte Natalie Wood. Den Song „All I Need Is The Girl“ sang Paul Wallace diesmal alleine.

Inzwischen hatten einige der Lieder auch jenseits des Musicals Verbreitung gefunden, vor allem durch das Album „Gypsy In Jazz“ des Jazzpianisten Teddy Wilson (1912-1986), auf dem auch eine swingende Instrumentalfassung von „All I Need Is The Girl“ zu hören ist. Wilson gehörte ab 1935 zum legendären Benny-Goodman-Trio (bzw. später Quartett), hatte dann später zeitweise auch sein eigenes Orchester und gelangte als Solist zu Weltruhm.

Die erste kommerzielle Vokalaufnahme von „All I Need Is The Girl“, sieht man vom offiziellen Broadway-Soundtrackalbum von 1959 einmal ab, stammt von Mel Tormé, der es 1960 für sein Album „Mel Torme Swings Schubert Alley“ (Verve) einspielte. Bald darauf steuerte auch Vic Damone (*1928) eine Studioversion bei, und 1965 nahm der Komponist Jule Styne selbst ebenfalls eine Fassung auf, für sein Album „My Name Is Jule“. Insgesamt betrachtet ist „All I Need Is The Girl“ aber außerhalb der Musical-Vorführungen ein vergleichsweise wenig gespieltes bzw. gecovertes Stück geblieben; aus jüngerer Zeit sind vielleicht die Aufnahmen von Michael Feinstein (Album „Michael Feinstein Sings The Jule Styne Songbook“) und Barry Manilow („Showstoppers“-Album), beide von 1991, erwähnenswert.

Frank Sinatra nahm sich der von seinem Freund Jule Styne komponierten Melodie und Sondheims Text erst im Herbst 1967 an, als er Anfang Oktober sein dann im November ausgestrahltes Fernsehspecial „A Man & His Music + Ella + Jobim“ aufzeichnete. Hier wählte Sinatra als „Begrüßungssong“ für seinen Stargast Ella Fitzgerald einige wenige Zeilen aus dem Anfang von „All I Need Is The Girl“ (= Version #1)

Wenig später widmete er sich dann aber auch dem ganzen Lied, nämlich im Dezember 1967, als er für Reprise an zwei Abenden (darunter sein 52. Geburtstag) ein Album mit der Jazzlegende Edward Kennedy „Duke“ Ellington (1899-1974) und dessen Orchester einspielte (= Version #2), zu dem damals zahlreiche Instrumentalsolisten von Weltrang gehörten (vgl. die Besetzungsliste unten). Mit der Zusammenarbeit mit Ellington erfüllte sich Sinatra einen langgehegten Wunsch, nachdem er einige Jahre zuvor bereits drei Alben mit Count Basie produziert hatte. Die Arrangements für „All I Need Is The Girl“ und die anderen Stücke des Albums hatte Sinatras Hausarrangeur Billy May (1916-2004) geschrieben, der auch die Aufnahmesessions leitete.

„Francis A. & Edward K.“ kam im Januar 1968 bei Reprise heraus, war jedoch nur mäßig erfolgreich; erst im April 1968 kam die LP in die Billboard-Charts, wo sie in 13 Wochen nicht über Rang 78 hinauskam. Die Kritiken waren ebenfalls recht verhalten: „Irgendwie zündet es nicht“ war der vorherrschende Tenor. Wenige Monate vor den Aufnahmen war Ellingtons langjähriger Wegbegleiter und kongenialer Songwriter-Arrangeur Billy Strayhorn (1915-1967) gestorben, und seine für die Ellington-Band so grundlegende Handschrift mag man bei einigen Stücken vermissen. Auch spielte Ellington selbst nur bei sehr wenigen der Lieder selbst mit; die meiste Zeit verfolgte er die Sessions von der Aufnahmekabine aus und überließ sein Piano Sinatras Hauspianisten Bill Miller und dem ebenfalls verpflichteten Pianisten Jimmy Jones.

„All I Need Is The Girl“ mit Billy Mays fiingerschnipp-swingendem Chart und Soloeinlagen von Paul Gonsalves am Tenorsaxophon aber gehört sicher zu den Highlights des Albums, und Sinatra selbst fand ebenfalls außerordentlichen Gefallen an dem Stück und seinem „Verführungstext“, das er in den folgenden zwei Jahren in seinem Konzertrepertoire behielt. Eine schöne Live-Darbietung aus dieser Zeit wurde zum Beispiel im Mai 1968 bei Sinatras Konzert in Oakland aufgezeichnet (ist allerdings bis heute nicht offiziell veröffentlicht worden).

Im Spätsommer 1976 bei seinem Engagement im Westchester Premier Theatre und erneut von März bis Mai 1979 führte Frank Sinatra „All I Need Is The Girl“ dann wieder im Programm. Besonders 1979, begleitet von Vinnie Falcones Orchester gab, er sich zu Mays Arrangement dabei ausgesprochen „relaxed“, improvisierte immer wieder mit den Textzeilen. In einigen wenigen Konzerten im März und April 1981 war das Lied dann nochmals zu hören, bevor es aus Sinatras Repertoire verschwand. Die Darbietungen von „Harvest Sinatra“ sind allerdings leider bislang nirgendwo offiziell erhältlich.

© Bernhard Vogel für Sinatra – The Main Event, 2006

Übersetzung

ALL I NEED IS THE GIRL
Musik von Jule Styne, Text von Stephen Sondheim (1959)
(Text übersetzt wie von Sinatra gesungen)

Hab‘ mein Jackett
gebügelt,
hab‘ meine beste
Weste (an),
alles, was ich jetzt noch brauche,
ist das Mädchen!

Hab‘ meine gestreifte
Krawatte,
hab‘ hochfliegende
Hoffnungen,
hab‘ die Zeit, und den Ort,
und ich hab‘ den Rhythmus,
nun brauch‘ ich nur noch
das Mädchen, das dabei
mitmacht!

Falls sie
einfach auftaucht,
werden wir
diese große Stadt
richtig aufmischen!

Und falls sie sagt:
„Mein Liebling, ich gehöre Dir!“,
werde ich
meine gestreifte
Krawatte wegschmeißen,
und mein bestes
gebügeltes
Jackett:

Alles, was ich wirklich brauche,
ist das Mädchen!

© Übersetzung: Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event

Diskographie:

(1) „A Man & His Music Plus Ella Plus Jobim“ (CBS TV/Budweiser) vom 13.11.1967
aufgenommen am 1.-3.10.1967 [nur einige Verse]
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
VHS/Laserdisc/DVD (Warner)

(2) REPRISE-Studioaufnahme vom 11.12.1967
aufgenommen in Hollywood, Western Recorders, Studio 1
Arrangement: Billy May
Orchester Duke Ellington geleitet von Billy May:
Cat Anderson, Herbie Jones, Cootie Williams, Mercer Ellington, Al Porcino (Trompete); Buster Cooper,. Lawrence Brown, Chuck Connors (Posaune); Johnny Hodges (Altsaxophon); Russell Procope (Altsaxophon, Klarinette); Jimmy Hamilton (Tenorsaxophon, Klarinette); Paul Gonsalves (Tenorsaxophon); Harry Carney (Baritonsaxophon, Baßklarinette); Bill Miller, Duke Ellington, Jimmy Jones (Klavier); Jeffrey Castleman (Baß); Sam Woodyard (Schlagzeug)
Erstveröffentlichung-Album/LP/CD: Francis A & Edward K (Reprise) (zuerst veröffentlicht Januar 1968)
CD/LP: The Reprise Collection (4-CD/6-LP-Box, Reprise) CD 3/LP 4 (erschienen 20.11.1990)
CD: The Complete Reprise Studio Recordings (20-CD-Box, Reprise) CD 12 (erschienen November 1995)

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