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It Was A Very Good Year

Titel

It Was A Very Good Year

Text & Musik

Musik und Text von Ervin Drake

Infos

Am Abend des 22. April 1965 entstand im großen „Studio A“ bei United Recording in Hollywood das vielleicht faszinierendste Filmdokument, das es überhaupt von Frank Sinatras Arbeit im Plattenstudio gibt. Ein Fernsehteam von CBS begleitete damals Sinatra das ganze Frühjahr lang, bei Studioaufnahmen, Konzerten und privaten Feiern mit Familie und Freunden – das Ergebnis, kommentiert vom legendären Walter Cronkite persönlich, war unter dem Titel „Sinatra: An American Original“ im November 1965 im Fernsehen zu sehen.

Auf dem Programm standen am 22.4.1965 Aufnahmen für Sinatras neues Plattenprojekt „September Of My Years“ – und eines der schönsten Lieder daraus, „It Was A Very Good Year“. Von Reprise einige Monate nach dem Album auch als Single-Auskoppelung herausgebracht, wurde das Stück bald zu einem von Sinatras bekanntesten Songs, und wie Sinatra für das ganze Album, gewann auch Gordon Jenkins 1966 einen Grammy für sein Arrangement zu „It Was A Very Good Year“.

Das Lied stammt aus der Feder von Ervin Drake (Ervin Maurice Druckman, *1919), einem New Yorker Komponisten und Textdichter, der eigentlich Gesellschaftswissenschaften und Graphikdesign studiert hatte und als Autodidakt zur Musik gekommen war. Seinen ersten Erfolg hatte Drake 1942 landen können, als er den englischen Text zu dem brasilianischen Instrumentalstück „Tico Tico“ beisteuerte, einem großen Erfolg für das Orchester von Xavier Cugat. 1944 gelang ihm ein ähnlicher Erfolg mit seinem Text für „Perdido“, eine der bekanntesten Nummern im Repetoire der Big Band vonb Duke Ellington, aus der Feder des Baßposaunisten Juan Tizol. 1945 dann hatte Drake mit „The Rickety Rickshaw Man“ (eingespielt vom Orchester Eddie Howard) seinen ersten Millionenhit mit einem auch selbst komponierten Lied. Zu seinen bekanntesten Liedern der Folgezeit gehört „Good Morning Heartache“ (1946, berühmt in den Aufnahmen von Billie Holiday und Ella Fitzgerald) oder auch seine englische Version von „Quando Quando Quando“. 1973-1982 fungierte Drake auch als Präsident der amerikanischen Songwriter-Vereinigung ASCAP.

„It Was A Very Good Year“ schrieb Drake im Frühjahr 1961 für ein Ensemble von Folk- und Country-Sängern, die 1958 mit „Tom Dooley“ an die Spitze der US-Charts gestürmt waren: Das legendäre, heute noch bestehende Kingston-Trio (http://www.kingstontrio.com), das Bob Shane (*1934) zusammen mit Nick Reynolds und Dave Guard im Sommer 1957 gegründet hatte. Das Trio veröffentlichte ihre Aufnahme des Songs im Juni 1961 auf ihrem Capitol-Album „Goin’Places“, und es wurde bald zum meistgespielten Lied des Albums, auch von zahlreichen anderen Künstlern gecovert, bis hin zu Robbie Williams und Jon Bon Jovi. Zum preisgekrönten Welterfolg aber machten das Stück Frank Sinatra und Gordon Jenkins.

Der Text paßte perfekt zum Konzept des „September“-Albums, mit dem Sinatra, in seinem fünfzigsten Lebens- und dreißigsten Bühnenjahr melancholisch-nachdenkliche Rückschau auf sein Leben und das Älterwerden hielt – so perfekt, daß man meinen möchte, das Lied sei für ihn allein geschrieben worden. Das geniale streicherbetonte Arrangement von Jenkins, und Sinatras unglaublich intensiver Gesang gehören zweifellos zum Besten, was The Voice jemals im Plattenstudio hervorgebracht hat. Und wenn man die Schwarzweiß-Filmbilder sieht, dann kann man nicht nur spüren, sondern auch *sehen*, wie sich der Sinatra-Zauber im Studio entfaltet. Fast scheint es so, als ob Sinatra, auf seinem „music stand“ mit den Notenblättern vor sich, mit jeder gesungenen Zeile selbst in andere Welten eintaucht, jede Nuance gefühlvoll hervorhebend, teils mit geschlossenen Augen, teils in die Ferne blickend. Daneben Gordon Jenkins, der Orchesterleiter, sein Blick immer auf Sinatra gerichtet.

Perfekt auch die Szene, als die Aufnahme zu Ende ist und die letzten Takte des Orchesters verklungen sind: Für einen kurzen Moment hält Sinatra die Spannung – dann ist er wieder ganz der nüchterne Aufnahmeprofi. „Wie lang ist die Aufnahme?“, ist seine erste Frage an den Toningenieur. „3 Minuten 30?“. Aus der Soundbox kommt die Antwort: „4:12“. Sinatra strahlt. „4:12! Junge, das ist ja länger als der erste Akt von ‚Hamlet‘!“ Walter Cronkite kommentiert die Szene treffend: Sinatra, der Profi, wußte, daß ein Musikstück nicht zu lang sein durfte, um es optimal vermarkten zu können. Dann läßt er sich den fertigen Take vorspielen, hört äußerst konzentriert zu, „kommentiert“ mimisch seinen eigenen Gesang und die Bögen des Orchesters... der Meister aller Meister bei der Arbeit. Man kann dicke Bücher über Sinatras Kunst schreiben – oder aber einfach diese kurzen Szenen anschauen: Sie zeigen alles.

Sieben Takes probierte Sinatra bei „It Was A Very Good Year“, schon der zweite war komplett im Kasten (=Version #1A), und Take 7, der nächste komplette Take (sogar etwas länger als der erste Versuch) wurde dann der Master und auf Album und Single herausgebracht (=Version #1B). Das Album blieb ab August 1965 geschlagene 69 Wochen lang in den LP-Charts (Höchstplazierung 5), die vor Weihnachten erschienene Single immerhin 8 Wochen (Höchstplazierung 28).

Noch im selben Jahr, für sein dann ebenfalls preisgekröntes Fernsehspecial „A Man and His Music“ (CBS), bauten Sinatra und Gordon Jenkins dann das Lied zu einem „erweiterten Gesamtkunstwerk“ aus, nämlich für das knapp viertelstündige(!) Saloon-Medley (= Version #2). Die einzelnen Strophen von „It Was A Very Good Year“ bildeten dabei den Rahmen, und auf jede einzelne folgte ein eigenes anderes Lied – „Young At Heart“ und The Girl Next Door“ aus Sinatras Capitol-Repertoire, und mit „Last Night When We Were Young“ und „This Is All I Ask“ zwei weitere Stücke aus dem „September“-Album. Das Ergebnis läßt sich mit Worten schwer beschreiben: Einfach atemberaubend!

Wenige Wochen später, Ende Januar 1966, kam dann auch eine Live-Einspielung des Liedes hinzu, begleitet von der (streicherlosen!) Count Basie Big Band, für das legendäre Reprise-Doppelalbum „Sinatra At The Sands“ (= Version #3). Da gehörte „It Was A Very Good Year“ schon zu den Stücken, das jeder Sinatra-Freund bereits bei den ersten Orchestertakten erkannte und bei „When I was seventeeeennnn...“ beklatschte. Und so ist es bis zum Schluß geblieben.

Nach seiner Rückkehr aus dem „Retirement“ 1974 dauerte es bis zum September(!) 1977, bis Sinatra das Lied wieder ins Programm nahm, um es dann aber mehr als zwei Jahre lang sehr regelmäßig auf der Konzertbühne vorzutragen. Eine der ersten Versionen dieser Zeit war im September 1977 im Rahmen des jährlichen MDA Telethon von Jerry Lewis live im Fernsehen zu genießen (= Version #4). Einen Höhepunkt bildete das Stück dann auch bei Sinatras kleinem Konzertauftritt im Rahmen der großen Jubelfeier zum 40jährigen Plattenjubiläum, an Sinatras 64. Geburtstag 1979 im Caesars Palace in Las Vegas aufgezeichnet und auch bei Warner als Video und DVD erschienen (=Version #5). Danach verschwand es wieder aus Sinatras Programmen.

Eine „Zugabe“ gabs aber noch – wiederum im September, 1985 bei seiner Auftrittsserie in der New Yorker Carnegie Hall, begann Sinatra das Lied wieder zu singen. Zum endgültig letzten Male geschah das dann im März 1986, als The Voice in der großen Meadowlands-Arena in seinem Heimatstaat New Jersey sein „Homecoming Concert“ vor ausverkauftem Haus gab.

Nun war Sinatra 70 Jahre alt und weißhaarig geworden, aber noch immer – oder vielleicht eben gerade jetzt besonders – geriet ihm „It Was A Very Good Year“ zur persönlichen Hymne mit Gänsehautgarantie fürs Publikum. „And now I think of my life as vintage wine from fine old kegs“ – diese Zeile kann man heute auch auf Sinatras Studioaufnahme von 1965 anwenden.

Besser kann man Musik eigentlich nicht machen.
How it pours, sweet and clear.


Oder, wie Sinatra in seiner typischen Weise am Ende der Sands-Version singt:
It was a mess of good year

Übersetzung:

Als ich siebzehn war,
war es ein sehr gutes Jahr,
es war ein sehr gutes Jahr
für Kleinstadtmädchen und laue Sommernächte,
wir versteckten uns vor den Lichtern
im Stadtpark,
als ich siebzehn war.

Als ich einundzwanzig war,
war es ein sehr gutes Jahr,
es war ein sehr gutes Jahr
für Großstadtmädchen, die im Obergeschoß wohnten,
mit all ihrem parfümierten Haar,
und es ging auf,
als ich einundzwanzig war.

Als ich fünfunddreißig war,
war es ein sehr gutes Jahr,
es war ein sehr gutes Jahr
für blaublütige Frauen mit unabhängiger Existenz,
wir sind mit Limousinen spazierengefahren,
die ihre Chauffeure steuerten,
als ich fünfunddreißig war.

Jetzt aber werden die Tage weniger,
ich bin im Herbst der Jahre angekommen,
und nun betrachte ich mein Leben
wie gereiften Wein aus guten alten Fässern,
vom Rand bis zum Boden (des Fasses),
wie süß und wie klar strömt er heraus!
Es war ein sehr gutes Jahr.

Diskographie:

(1) REPRISE-Studioaufnahme vom 22.4.1965
aufgenommen in Hollywood, United Recording, Studio A (take 7)
Arrangement: Gordon Jenkins
Orchester geleitet von Gordon Jenkins:

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